Wo? Wo? Wo warn wir Silvester?!

Ich wette, dass ihr das noch nirgends bisher gelesen habt: HAPPY NEW YEAR EVERYBODY!!!! Notiz an mich selbst: Vermeide die sozialen Medien zwischen dem 24. Dezember und 3. Januar. Ich kann keine Bäume, fröhliche Familien und Neujahrsglückwünsche mehr sehen. Egal, nächstes Jahr dann!

Uns hat sehr oft die Frage erreicht, wo und wie wir denn eigentlich Weihnachten und Silvester (Wo? Wo? Wo wart ihr Silvester?!) gefeiert haben. Na dann haltet euch mal fest!

Damit nicht wieder ein Roman entsteht haken wir Weihnachten kurz und knackig (Nachtrag: hat natürlich wieder nicht geklappt) ab: Wir waren schon seit einigen Tagen beim amerikanischen Botschafter namens Lee in der sudanesischen Hauptstadt Khartum. Zu ihm kamen wir über einen Warmshowers Host in Kairo. Außerdem hat er unser Paket von Rose empfangen, damit wir den kaputten Freilauf tauschen konnten. Eigentlich hatten wir vor, Weihnachten längst wieder on the road zu sein, da wir schon eine knappe Woche in Lees Schloss uns eingenistet haben und uns das schlechte Gewissen geplagt hat. Wir verstanden uns aber wirklich super und er lud uns ein Weihnachten nochmals dazubleiben. Das ließen wir uns natürlich nicht nehmen.

Er musste selbst viel arbeiten, war also die meiste Zeit außer Haus. Wir kochten an vielen Abenden und aßen zusammen oder schlürften einen (oder auch ein paar mehr) Cocktails, wofür er wirklich ein Händchen hatte! Wir probierten uns durch die ganzen Klassiker durch wie Cosmopolitan, Manhattan, Martini… Ach übrigens, Alkohol ist ja eigentlich illegal in Sudan, aber wenn man bei der Botschaft arbeitet (oder der Gast solch einer Person ist) genießt man doch ein paar Vorteile. An einem Morgen hat er ein Stück Schwarzwälder Speck auf den Frühstückstisch gezaubert. Uns sind schier die Augen geplatzt. Schweinefleisch haben wir eine sehr sehr lange Zeit nirgends mehr gesehen. Lee hatte dazu ein genialer Kommentar und sagte, dass die Botschaft ja sicherstellen muss, dass die Botschafter auch in das Land kommen und bleiben wollen.

Aber zurück zu Weihnachten: Lee musste zu einem Work Event und würde später zu uns stoßen. Stattdessen luden wir eine sudanesische Freundin (Amel) von ihm ein, die uns bereits etwas durch Khartum geführt hat. Meine zwei Mädels wollten unbedingt ein besonderes Essen an Weihnachten machen. Etwas typisch schwäbisches. Nicht nur weil es Weihnachten war, sondern weil wir uns nochmal bei Lee bedanken wollten und Amel auch etwas aus unserer Kultur zeigen wollten. Es ist nur gar nicht so einfach einzukaufen im Sudan. Selbst in der Hauptstadt gibt es keinen klassischen Supermarkt wie wir das so kennen. Es musste also etwas sein, was man machen kann mit verfügbaren Zutaten. So kam Mareile auf die grandiose Idee Kässpätzle zu machen. Witzigerweise spricht Lee perfektes deutsch (warum eigentlich Lee? Ich weiß es tatsächlich nicht mehr. Melde dich doch mal bei uns!) und liebt das (schwäbische) Essen. Er hatte tatsächlich eine Spätzlesreibe in Südkorea bei seinem letzten Arbeitsaufenthalt gekauft (er wechselt alle 2 Jahre das Land).

Weil es Weihnachten war und die Mädels sowieso schon zu Küchenfeen mutiert sind, fingen die zwei auch noch an zu backen. Plätzle und Spätzle (ja, ich weiß, dass das ‚Bredle’ und ed ‚Plätzle’ heißt, das reimt sich aber leider nicht so gut). Und so feierten wir Heiligabend mit Spätzle, vielen Cocktails und einer streng muslimischen (aber sehr offenen) Amel.

Ursprünglich wollten wir ja eigentlich mit unseren englischen Biking Buddies feiern, aber Lucy musste leider schon wieder ins Krankenhaus. Bei denen ist wirklich der Wurm drin. Zuerst ein Unfall mit einem fießen Cut am Knie und zwei Wochen später eine üble Lebensmittelvergiftung. Besucht haben wir sie natürlich trotzdem und sie hatten wirklich Glück mit dem Krankenzimmer. Das komplette Krankenhaus war voll also gab es ein Upgrade in die Royal Suite 4. Das ist kein Witz, das Zimmer hieß wirklich so. Und das zu Recht. Fast besser als bei unserem Botschafter! Ihnen ging es also den Umständen entsprechend auch sehr gut. Und unfassbar, aber wahr, der englische Father Christmas war bei ihnen und hat 3 stinkende Radsocken von James für die Biking Baboons gefüllt. So süß die Beiden, wir haben doch noch Weihnachtsgeschenke bekommen!!!: Puddingpulver, Kakaopulver, Gummibärchen, Orangen… all die guten Dinge die man als Radfahrer im Sudan eben braucht. Woher der Weihnachtsmann das nur wusste… Wir brachten selbstverständlich auch ein paar Bredle und Spätzle, aber die Freude hielt sich komischerweise in Grenzen, wenn man seit einer Woche Dünnpfiff hat. Dabei hätten wir noch ein paar Groschen aus der Reisekasse übrig gehabt um uns gegenseitig reichlich zu beschenken, denn der Sudan war wirklich günstig: 400 USD für 3 Personen in einem Monat. Das ist Rekordtief! Leider war es ein Rekordhoch bei dem Visumspreis: 150 USD pro Person. Aber wer weiß, vielleicht bringt uns der äthiopische Weihnachtsmann nochmal etwas. Denn hier wird am 7. Januar äthiopisch-ortodoxes Weihanchten gefeiert.

Aber nun zu Silvester! Es war immer der Plan am 31.12 spätestens Sudan zu verlassen, damit wir wenigstens mit einem Bierchen in Äthiopien auf das neue Jahr anstoßen können. Der ist gestorben als wir für Heiligabend bei Lee verlängert haben: Zu viele Kilometer in zu wenigen Tagen. Zumindest mit dem Fahrrad. Die Straße war aber voll mit geisteskranken Busfahrern und unglaublich eng, dass wir uns nach dem dritten Nahtoderlebnis entschieden für einen Teil zu trampen. Das Problem war nämlich, dass es keinen Seitenstreifen gab und die Straße rechts 20 bis manchmal 40 cm runter in den Sand ging. Man sah seinen Tod also im Rückspiegel auf sich zukommen und hatte nowhere to go. Meistens hupten sie wie wild, manche kamen nur mit einem Dauerdüüüüüü angebraust. Wenn kein Gegenverkehr kam war das auch kein Problem, da die meisten einen schönen Bogen um uns machten. Wenn aber zusätzlich ein Bus entgegenkam, musste der schwächste aus dem Weg gehen, denn an Bremsen denken die Bus- und Truckfahrer hier nicht. Dreimal dürft ihr raten wer also schauen musste wie er am besten, ohne Unfall, von dieser Straße sich verkrümelt.

Die Fahrt auf dem Truck war jedoch auch nicht viel besser, vor allem, weil man nun die Kontrolle selbst gar nicht mehr in der Hand hatte und man nun Passagier auf dem Helltruck war. Wir sind ein paar Minuten auf der Pritsche aufgestanden, aber das konnte man sich nicht anschauen. Die Jungs scheren aus um zu überholen obwohl ein genauso Kranker auf der Gegenspur uns entgegenkommt. Egal, Augen zu und durch (dachten wir und der Truckfahrer)!

Auch wenn das sich jetzt anhört als wären wir alles per Anhalter gefahren, sind wir wirklich auch noch viel selbst bis zur Grenze gestrampelt. Wir haben richtig gekämpft, weil wir es unbedingt schaffen wollten. Da ging es auch nicht mehr um das Bier, sondern nur noch um den puren Ehrgeiz. Hahahaha Ich lach mich gerade schlapp wie ich das schreibe, weil ich weiß, dass Nils hier wieder durchdreht und sich so viele Sorgen macht, dass wir nicht so ehrgeizig und lebensmüde unterwegs sein sollen. Keine Angst Papa Bär, wir haben das schon noch im Griff, ich muss doch auch etwas in den Geschichten übertreiben, sonst liest sich das lang nicht so gut ;).

Long story short: Wir kamen am 31.12.2019 um 17 Uhr an der Grenze an!!! Wir haben es tatsächlich geschafft! Nur doof wenn die Grenze um 16 Uhr schließt. Nicht euer fucking ernst?! Der Beamte (mein Jahrgang) kam gerade raus und schloss ab. Aber wir sind ja schon eine Weile in Afrika (und Mareile kann das sowieso sehr gut) und haben gelernt, dass Regeln und Gesetze immer dehnbar sind. Also legten wir los. Bla bla bla, unser Freund feiert Geburtstag in Äthiopien heute wir müssen da hin bla bla bla. Wir hatten ihn irgendwann fast so weit, jedoch sagte er dann, dass die äthiopischen Kollegen noch eine Stunde früher nach Hause gehen und wir dann im Niemandsland wären, was uns ja auch nichts gebracht hätte. Als Mareile dann irgendwann mit der Wahrheit rauskam und ihm erklärte, dass wir einfach nur ein Bier für Neujahr trinken wollen, wurde er zu unserem besten Freund: „But you can drink beer here with me!“ „Wie bitte was?!“. Er käme in 2h und organisiert uns was. Wow, was für eine Legende. Wieder mussten wir uns erinnern, dass wir in Afrika sind und das nicht das erste leere Versprechen gewesen wäre. Aber wie gesagt, er war unser Kumpel und hat wohl einfach nur ein paar europäische Saufkompanen gesucht, da das bei den anderen muslimischen Soldatenkollegen nicht so gut ankäme. Da er seinen Job los wäre und weiß Allah was noch, wenn er erwischt werden würde, hackte er seinen Masterplan aus:

Wir kamen gerade zurück vom Essen vom Markt zu unseren Zelten (wir campten direkt in der Grenzstation wo alle Grenzsoldaten schliefen, aßen und beteten) und er stand schon da und kam auf uns zugeschlichen. Er überzeugte uns, dass wir zu viert in unserem 3 Mann Zelt ‚feierten’. Leicht Awkward mit einem wildfremden Soldaten der kaum Englisch spricht und nicht wollte, dass wir ein Licht im Zelt anmachten. Aber scheißegal, der gute Mann hat uns Bier und Schnaps organisiert und wollte uns unbedingt einladen. Wer sich jetzt einen kühlen Sixer und einen eiskalten 360 Vodka vorstellt, den muss ich leider enttäuschen. Ich war es auch ein bisschen, aber man nimmt was man kriegt. Er musste beides umfüllen, damit es keiner sieht. Also gab es lauwarmes Bier und Spiritus aus zwei alten Plastik Wasserflaschen. Alles kein Problem, aber warum wir das Bier auch über diese komischen Minieierbecher trinken mussten, habe ich wirklich nicht verstanden (siehe Instagram Post, das Internet ist hier viel zu schlecht um irgendwelche Bilder einzufügen). Ich habe ihm dann ein Bild von einem Maßkrug gezeigt, da machte er große Augen. Aber egal, es war wie früher auf Klassenfahrt. Heimlich in München sich einen Hinter die Binde kippen und ja nicht von Herrn Preyer erwischt werden!

Ab und zu riefen ihn seine Kollegen auch und liefen direkt am Zelt vorbei (keine Ahnung warum ihn keiner sah, weil 1. das Regencover nicht drüber gespannt war und 2. er immer lauter wurde, da er bei jedem Shot, wo wir Bier getrunken haben, er lieber seinen widerlichen Schnappes sich reingezogen hat. Sein Plan war glaube ich auch, dass wir die komplette Literflasche Waschbenzin in unserem Zelt vernichten. Und mit WIR meine ich ihn. Er wollte ums Verrecken nicht nach draußen gehen, auch nicht als sich das Zelt auf 1000 Grad aufgeheizt hat… bei 4 trinkenden Menschen im leicht warmen Sudan. Irgendwann haben wir ihn zum draußen Rauchen überzeugt (er wollte auch im Zelt qualmen) und wir konnten die Sauna verlassen. Die Frage war nur wo die Party nun hin verlegt wird (es war übrigens ca. 18 Uhr und der Kollege schon voll wie eine Badewanne). Wir mussten ihn also weg von seinen Kollegen kriegen. Dann hatte er die Idee, dass wir einfach nach Äthiopien gehen. Nicht weil er da trinken darf, da er auch noch dort ein sudanesischer Muslim ist, sondern weil seine Kollegen ihn dort nicht sehen und dort ein Acker hinter einer Reihe von Bäumen ist. Und dort ging es dann gleich wie im Zelt weiter, nur dieses Mal unter den Sternen auf seiner Herzchen Picknickdecke. Für ihn gabs seinen Fusel und wir tranken das Bier leer. Ab und zu zwang er mich zu einer Männerrunde, aber irgendwann hat er auch das nicht mehr so ganz geblickt und ich konnte mit Bier weitermachen.

Nach der dreiviertel Flasche hat er dann endlich ein Spuckerle gemacht. Überrascht war keiner, aber eher froh. Wir konnten nach Hause ins Zelt gehen. Es war schon witzig, so ist es nicht, aber der halbe Liter Schnaps hat weder sein Englisch noch sein Gedächtnis verbessert. Und nach dem fünften Mal erzählen, dass man aus dem Süden von Deutschland kommt, war es irgendwann doch nervig. Auch, dass er bei Caro im Zelt nächtigen wollte, war nicht die feine sudanesische Art.

Aber egal, es war trotzdem ein besonderes Silvester, dass es so nie wieder geben wird und wir auch nicht so schnell vergessen werden. Warum?

  1. Wir haben es doch noch nach Äthiopien geschafft und unser Bierchen bekommen.
  2. Wir haben in Zwei Ländern gefeiert
  3. Wir haben an zwei verschiedenen Datums gefeiert: 31.12.2019 und 21.04.2012. Äthiopien hat ein anderes Datum als wir, kein scheiß! Der äthiopische Kalender ist eine Variante des koptischen Kalenders und läuft unserem gregorianischen Kalender 7 Jahre und 8 Monate hinterher. So, jetzt habt ihr auch noch was von mir gelernt.
  4. Wir waren so nüchtern wie noch nie am Jahresende, können uns an alles erinnern und hatten keinen Kater am 1. Januar 2020 (Lieg aber seit dem 2. Januar flach mit Typhus und Amöben Parasiten – vielleicht war das die Strafe des Saufgottes)

Ihn sahen wir an dem Abend auch nicht mehr. Aber seine Kollegen luden uns noch zum zweiten Abendessen ein (es war mittlerweile 22:00 Uhr) und es gab eine Art Lammgulasch, gekocht auf offenem Feuer. Den Eimer teilten wir uns dann zu acht. Sau lecker wars! Im Sudan wird immer gemeinschaftlich aus einem Topf gegessen. Jeder packt dann mit seinem Brot sich etwas heraus und dann wird laut abgeschmatzt. Einer konnte wirklich gutes Englisch und wir unterhielten uns noch etwas. Hitler war natürlich mal wieder ein Thema (jeder einzelne Ägypter, Sudanese, Jordanier… den wir trafen ist großer Fan von dem kleinen Mann mit Quadratbart) aber egal, die Connections waren für den nächsten Morgen sehr wichtig (so easy war unser Aus- und Einreiseprozess noch nie!).

Um 23:00 Uhr als sie den Generator direkt neben unserem Zelt ausschalteten fielen wir todmüde auf unsere Isomatten und schlummerten in das neue Jahr bzw. den 22.04.2012 hinein.

SO viel zu uns. Und was habt ihr so getrieben?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.